10. Sonntag nach Trinitatis

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
(aus den Seligpreisungen: Matthäus 5, 8)

Jesus spricht zu den Menschen, die sich versammelt haben, um ihn zu hören. Die berühmte Bergpredigt beginnt nicht mit Forderungen, wie die Menschen ein gutes Miteinander zu gestalten haben. Sie beginnt auch nicht mit einer Feststellung, wie schwierig die Zeiten sind. Das alles wissen die Zuhörer und Zuhörerinnen, das braucht ihnen niemand mehr zu sagen.

Die Bergpredigt beginnt mit dem tröstenden Zuspruch. Menschen, die in der Gesellschaft eher am Rande stehen; Menschen, die anders leben und denken als der „mainstream“; Menschen, die nicht zurechtkommen mit dem „normalen“ Lebensstil, der den gesellschaftlichen Alltag bestimmt – ihnen verspricht Jesus: Ihr seid selig, euch wird das Himmelreich gehören. Euch wird Gerechtigkeit widerfahren. Gott ist bei euch und wird immer bei euch sein, ihr werdet Gottes Kinder heißen. Ihr werdet diejenigen sein, die „Gott schauen“ werden.

Selig sind, die reinen Herzens sind.
„Ich bin klein, mein Herz ist rein“ – an diesen Spruch muss ich denken, wenn ich über diese Seligpreisung nachdenke. In diesem Spruch klingt Naivität im positiven Sinn mit: Nichts Böses oder Schlechtes kann das Herz berühren. Ehrlichkeit, ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit und tiefes Gottvertrauen – selig sind die Menschen, die sich aus ganzem Herzen Gott anvertrauen können. Selig sind, die ihren Mitmenschen ohne Falsch begegnen können. Die aussprechen, was sie denken und fühlen. Die die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließen und die Probleme sehen, ohne sich vom Bösen vereinnahmen zu lassen.

Denn sie werden Gott schauen.
Wir sind es vielleicht gewohnt, an das „Jenseits“ unserer Welt zu denken, wenn wir diesen Teil der Seligpreisung hören. Vor dem Angesicht Gottes zu stehen, Gott zu sehen, wie er ist, das verbinden wir mit der Hoffnung auf das ewige Leben im Reich Gottes – nach dem Leben in unserer Welt. Für Jesus ist die Verbindung von Diesseits und Jenseits längst Wirklichkeit: Gottes Reich kommt und ist schon da. In jedem Menschen, der unser Nächster ist, sieht uns Gott an: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan, heißt es in seiner Rede vom Weltgericht (Matthäus 25, 40). Gott begegnet uns in jedem Menschen, der unsere Zuwendung und unsere Hilfe braucht. Er begegnet uns in jedem Menschen, mit dem wir leiden und uns freuen.

Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.
So heißt es zum Abschluss der Seligpreisungen. Der Himmel beginnt hier und jetzt in unserem Leben. Aber er hört nicht mit unserer Endlichkeit auf. Was mit und für uns begonnen hat, geht über alles hinaus, was wir denken und fassen können.

Der Himmel, der kommt,
grüßt schon die Erde, die ist,
wenn die Liebe das Leben verändert.
(Lied 153, 5 im Gesangbuch)

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

9. Sonntag nach Trinitatis

Du weißt, HERR, dass mein Herz nicht prahlt,
mir nicht den Stolz ins Auge malt.
Was hoch ist, mache ich nicht klein;
das Wunderbare nicht gemein.

Die Seele, bald verzagt, bald wild,
ich habe sie bei dir gestillt.
Durch dich umarmt hat sie es gut,
ein Kind, das an der Mutter ruht.

Hoff, Volk des HERRN, bei Ihm harr aus!
Wo soll es sonst mit dir hinaus?
Du läufst im Kreis und fürchtest dich.
Der Ewige sorgt mütterlich.

(Psalm 131 aus dem Psalter im Gesangbuch)

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist. (Josua 3, 10)

Es gibt solche Tage, da wacht man morgens mit bester Laune auf, die Sonne scheint, dann ein Telefonanruf – und die Stimmung ist dahin. Vernünftige Reaktion ist angesagt, doch der Ärger ist groß. Der Wochenplan muss umgestoßen werden, Telefonate, Emails, Briefe, Gespräche, Sitzungen, und dann noch das ganz „Normale“, was in dieser Woche eigentlich anliegt ... Wo kann Gott da sein, in meinem Chaos, in meiner Hektik?

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.

Es gibt Tage, mitten in dieser ganzen Hektik, da sitzen Menschen zusammen, sprechen darüber, was es bedeutet, Christ zu sein, was es bedeutet, das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Oder warum ihnen Gemeinde wichtig ist und ihnen so am Herzen liegt, dass sie trotz allen Ärgernissen und manchen Enttäuschungen daran arbeiten und sich engagieren. Und diese Gespräche sind intensiv, gehen in die Tiefe und in die Weite. Da spürt man, wie wohl es einem tut, und wie es einem hilft, die Gedanken zu ordnen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.
Dieser Satz ist eine Aufforderung. Ihr sollt...  Wenn wir merken sollen, dass Gott bei uns ist – ganz lebendig, ganz zum Leben gehört, dann müssen wir dafür offen sein. Wir sollen jederzeit damit rechnen, dass Gott in unserem Leben gegenwärtig ist, nicht nur im Gottesdienst sonntags oder feiertags. Wir sollen mit ihm rechnen und uns auf ihn verlassen. Denn dann – und das ist die andere Seite - dann wird dieser Satz Verheißung: Ihr werdet ...

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.

Dieser Satz ist ein Zuspruch. Wir können uns darauf verlassen, dass Gott bei uns ist – ganz lebendig, weil er unser Leben mit lebt. Ganz lebendig, weil er an solchen und solchen Tagen gegenwärtig ist. Ein Gott, der Kraft gibt, wenn man sich zermürben lässt. Ein Gott, der Mut gibt, wenn man schwierige Entscheidungen zu treffen hat und dazu stehen muss. Ein Gott, der Freude gibt, wenn einen der Alltag aufzureiben droht, der Ruhe schenkt, in der man zu sich kommen kann. Ein Gott, der uns auffängt, wenn wir im Kreis laufen und uns dabei die Orientierung abhanden kommt. Ein Gott, der mütterlich für uns sorgt.

Ihr sollt merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

 

8. Sonntag nach Trinitatis

Salomo hat in Jerusalem einen großen, prächtigen Tempel bauen lassen, zur Ehre Gottes. Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? fragt Salomo im Gottesdienst zur Einweihung und Eröffnung dieses Tempels. Leiser Zweifel scheint sich in dieser Frage zu melden. Gott ist so unfassbar und so groß und weit, dass selbst aller Himmel Himmel ihn nicht fassen können, wie sollte es dann dieser Tempel können? Sollte Gott wirklich hier bei seinem Volk, bei seinen Menschen gegenwärtig sein? Sollte Gottes Gegenwart wirklich wirksam sein und das Leben der Menschen bestimmen?
Salomo rechnet damit, dass Gottes Wohnung im Himmel ist. Er sieht eine Distanz zwischen Gott und den Menschen. Der Himmel ist weit weg, er ist groß und unbegrenzt, und so sehr die Menschen auch nach dem Himmel streben, sie werden ihn nie wirklich erreichen. Ist also auch Gott unerreichbar weit weg?
Das würde Salomo so nun auch wieder nicht unterschreiben wollen. Schließlich hat Gott ja versprochen, für sein Volk da zu sein. Aber diese Distanz zwischen Himmel und Erde ist für ihn da und muss überwunden werden, durch Gebet und Gottesdienst: die Menschen wenden sich an Gott, flehen und beten, bringen Opfer dar – und Gott hört und erhört und antwortet mit seiner Gnade. Der Tempel soll ein Ort sein, an dem diese Kommunikation zwischen den Menschen und Gott stattfinden, an dem eine Verbindung zwischen Himmel und Erde hergestellt werden kann.
Ganz fremd ist uns heute eine solche Vorstellung der Beziehung zwischen Gott und den Menschen ja nicht. Wenn man kleine Kinder fragt, was denn eine Kirche sei, hört man häufig: Da wohnt Gott. Schließlich geht man ja auch zum Gottesdienst in die Kirche. Und auch uns erscheint es vielleicht zumindest fraglich, ob Gott in dieser Welt, so wie wir sie erleben, wirklich gegenwärtig, ja zuhause sein kann. Oder ist die Welt vielleicht so, wie sie ist, weil Gott gar nicht in ihr ist? Auch unser Glaube lebt von der Zuversicht, dass Gottes Zusage, immer bei uns zu sein bis an das Ende aller Tage, zuverlässig und gültig ist. Was wir dann aber erleben und sehen und hören, lässt uns manchmal zweifeln: Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?
Diese Frage haben sich Menschen immer schon gestellt. Sie haben aber auch immer schon die Erfahrung gemacht: Gott lässt sich nicht begrenzen, nicht einsperren, schon gar nicht von Menschen. Über Gott kann man nicht verfügen, man kann ihn nicht auf einen Ort oder auf eine Wirkung hin oder auf eine bestimmte Zeit festlegen. Das hat Konsequenzen: Gott und der Glaube an ihn ist keine Angelegenheit allein für Sonn- und Feiertage und für Gottesdienste in Kirchen oder Tempel. Er gehört auch nicht nur ins stille Kämmerlein. Glaube und Religion sind nicht nur „Privatsache“. Warum? Gott hat seinen Sohn als Mensch gewordenes Wort zu den Menschen geschickt. Das heißt: Er hat mit Jesus Christus die Menschen direkt in ihrem Leben, ihrem Alltag, sichtbar und hörbar erreichen wollen, ihnen nachgehen wollen. Und dieser Jesus Christus hat dazu aufgerufen, den Glauben an diesen Gott öffentlich bekannt zu machen, durch Wort und Tat, damit der Glaube in der Welt wirksam werde. Und die Botschaft dieses Glaubens ist: Freiheit. Der Glaube wird die Menschen befreien von den Grenzen, die sie zwischen sich und ihren Mitmenschen aufgebaut haben: in der Gemeinde Gottes sind weder Griechen noch Juden, Frauen noch Männer, Sklaven noch Herren, sagt Paulus mal. All diese Unterscheidungen, die unsere Gesellschaften bestimmen, sind letztlich unbedeutend, wenn es darum geht, dass wir vor Gott als Menschen stehen, die unter seinem Segen leben wollen.
Der Glaube wird die Menschen befreien von den Grenzen, die sie zwischen sich und Gott aufgebaut haben. Denn Gott kommt zu den Menschen und spricht sie an. Das meint die Rede vom Mensch gewordenen Wort.
Die Botschaft unseres Glaubens ist Befreiung durch den Glauben, Befreiung zum Glauben an den befreienden Gott. Wie könnte ein Gott Befreiung schenken, wenn er selbst begrenzt wäre? Wie könnte es eine Botschaft der Befreiung geben, wenn sie nur sonntags gälte? Und was für eine Freiheit wäre das, wenn sie nicht unser ganzes Leben beträfe? Rechnen wir also damit, dass Gott nicht nur in der Kirche sonntags, sondern immer „mitten unter uns“ ist. Und auch wenn zugegebenermaßen noch einige Fragen offen sind, die es zu bedenken gilt, rechnen wir doch mit einem Gott, der in seiner und unserer Welt wohnt und zugegen ist, und der das, was uns besorgt und ängstigt, sieht.

Und dann lassen wir uns doch von dem Geist der Freiheit berühren und tragen, sonntags in der Kirche, im stillen Kämmerlein, an unseren Orten in der Welt.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

7. Sonntag nach Trinitatis

Eine Geschichte, in der es um Gottvertrauen in stürmischen Zeiten geht, ist am Sonntag Thema der Predigt: Matthäus 14, 22-33.

Jesus geht über das Wasser. Es ist dunkel, es ist stürmisch, die Wellen des Sees schlagen hoch, es ist eine bedrohliche Situation. Da sehen die Jünger etwas auf dem Wasser. Es kommt auf sie zu. Wahrlich ein unheimliches Bild. Ein Gespenst?
Die Jünger erkennen Jesus erst, als dieser sie anspricht: Seid getrost, ich bin’s. Fürchtet euch nicht. Jesus sieht die Jünger. Er erkennt ihre Angst, er nimmt die Bedrohung, die ihnen Angst macht, wahr. Seid getrost, sagt er. Ich komme zu euch. Ich bin bei euch. Es wird euch nichts geschehen. Vertraut mir, fürchtet euch nicht. Es ist Petrus, der seinen Augen und Ohren nicht so recht trauen mag. Er fordert einen Beweis: Lass mich auf dem Wasser gehen und zu dir kommen. Immerhin wagt er es, sich auf einen Versuch einzulassen. Doch mitten drin verlässt ihn der Mut. Er sieht die Wellen, er spürt den Sturm, er spürt das aufgepeitschte Wasser. Offensichtlich sieht er Jesus, sein Ziel, nicht mehr. Offensichtlich spürt er nicht mehr die Kraft, die ihn über das Wasser gehen lässt. Er droht unterzugehen. Dieser Petrus, zu dem Jesus gesagt hatte, er sollte ein Menschenfischer sein, einer, der die Menschen von Jesus und seiner Botschaft überzeugen sollte. Dieser Petrus, der seinen Namen bekommen hatte, weil er der Grundstein der Gemeinschaft sein sollte, die sich in die Nachfolge Christi stellen sollte. Dieser Fels beginnt zu wanken. Dieser Petrus beginnt zu zweifeln. Dieser Fels droht unterzugehen.

Und doch, in der Not besinnt sich Petrus: Herr, hilf mir. Seine letzte Hoffnung ist Jesus. Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? fragt Jesus den Petrus. Ja, warum? Petrus’ Aufmerksamkeit auf das Wasser ist stärker. Das Wasser aber trägt ihn nicht. Es ist aufgewühlt von dem Sturm. Dadurch wird es zur Bedrohung. Die Angst ist größer als das Vertrauen, als der Glaube an Jesus und seine Kraft. Jesus reicht dem Petrus die Hand. Er hält ihn fest, bevor der wirklich untergeht. Jetzt erkennt auch Petrus ihn: Du bist wahrhaft Gottes Sohn. Und obwohl Petrus’ Zweifel stärker waren als sein Vertrauen, hatte Jesus ihm die Hand gereicht. Als Jesus mit dem geretteten Petrus in das Boot steigt, legt sich der Sturm. Dieses Erlebnis lässt die Jünger erkennen: Hier ist Gottes Sohn. Er ist bei uns. Seine Gegenwart gibt uns Halt und Ruhe. Du bist wahrhaftig Gottes Sohn.

Diese Geschichte wird erzählt, weil sie unsere Hoffnung und unser Vertrauen stärken soll. Sie wird erzählt, weil sie uns zeigt, dass nicht nur diejenigen, die stark im Glauben sind, Hilfe von Gott erwarten dürfen. Wir, die wir oft Kleingläubige und Mutlose sind, dürfen darauf hoffen, dass Gott uns entgegen kommt und uns seine Hand reicht. Er nimmt uns an die Hand und ist bei uns, wenn wir keine Kraft haben und uns das Wasser bis zum Hals steht. Er ist bei uns und geht unseren Weg mit uns und hält schützend seine Hand über uns. So wahrhaftig ist er unser Gott.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

6. Sonntag nach Trinitatis

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen;
und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.
Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.

Jesaja 43, 1-3a

Fürchte dich nicht!
Mitten in der Krise spricht Gott zu seinem Volk: Fürchte dich nicht. Ich habe dich gerufen. Ich kenne deinen Namen. Ich weiß, wer du bist, wie du bist, was dich bewegt und umtreibt.

Fürchte dich nicht!
Mitten in die schwere Zeit hinein verspricht Gott seinem Volk: In allen Gefahren, in aller Bedrohung, in allen Lebenskrisen bin ich bei dir, weil ich bei dir sein will. Ich lasse dich nicht allein.

Fürchte dich nicht!
Mitten in die Verzweiflung und in die Angst hinein versichert Gott seinem Volk: Ich lasse nicht zu, dass du deiner Not ausgeliefert bist, dass die Not dein Leben bestimmt, Herr über dich wird. Ich bin der Herr, dein Gott. Und du bist mein.

Fürchte dich nicht!
Mitten in die Unfreiheit hinein sagt Gott seinem Volk: Alles, was dich niederdrückt, alles was dich klein macht, alles, was dich fesselt, hat keine Macht über dich. Ich bin der Herr, dein Gott, dein Heiland. Ich habe dich erlöst. Und darum bist du frei.

Herr, mein Gott,

Fürchte dich nicht! Sagst du mir.
Tröstliche Wärme strahlt mir entgegen aus deinem Wort.
Ich weiß: Vieles kann mir passieren, vor dem ich mich fürchte.
Aber bei dir bin ich geborgen. Ich gehöre zu dir. Und du lässt mich nicht los.
Ich weiß: Vieles kann mich gefangen nehmen und mir Angst machen.
Aber bei dir bin ich frei. Mit dir kann ich atmen. Und du gehst mit mir meinen Weg.
Ich weiß: Vieles lässt mich meine Ohnmacht spüren, das macht mich wütend und traurig.
Aber bei dir kann ich meine Fragen, meine Zweifel und meinen Zorn lassen. Bei dir bin ich mit allem gut aufgehoben.
Fürchte dich nicht! Sagst du mir. Immer wieder.
Und manchmal erinnere ich mich an dein tröstliches, warmes Wort.
Dann atme ich auf – und fürchte mich nicht mehr.

Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis

Gott rüstet mich mit Kraft. (Ps 18, 33)

Gott rüstet mich mit Kraft. Diese Aussage stammt aus dem 18. Psalm, der dem König David zugeschrieben wird: „als ihn der Herr errettet hatte von der Hand all seiner Feinde und von der Hand Sauls“. David führt seinen Sieg im Kampf gegen seine Feinde und im Machtkampf mit Saul auf die rettende Hand Gottes zurück. Gott hat ihn stark gemacht, mit Kraft ausgerüstet, dass er seinen Kampf um seine Position und letztlich um sein Überleben bestehen konnte. Und es geht hier nicht nur um die körperliche Kraft, die sicherlich auch wichtig ist in einem solchen Kampf. Entscheidender ist wohl die seelische und geistige Kraft – wir sprechen heute gern von mentaler Stärke. David brauchte in seinem Kampf Mut und Zuversicht. Er brauchte die Gewissheit, dass er in seinem Kampf nicht allein ist, dass er nicht nur auf seine kleine Kraft angewiesen ist. Er spürte die schützende Hand Gottes, er spürte den Beistand, wenn die eigene Kraft nicht mehr ausreichte.

Wir sehen uns gern als kraftvolle Menschen, die ihr Leben aus eigener Kraft gestalten. Und wir brauchen täglich Kraft. Vielleicht ist unser „Kampf“ nicht so existentiell wie der Davids, doch unseren Alltag zu organisieren, Familie und Job unter einen Hut zu bringen, in schwierigen Lebenssituationen zu bestehen, unsere Aufgaben z.B. in der Gemeinde zu bewältigen, verlangt schon einiges von uns. Doch was ist, wenn uns die Kraft fehlt? Wenn sie uns ausgeht? Wenn wir kraftlos werden, weil die Aufgabe, die vor uns steht, uns zu groß erscheint? Wenn wir nur noch einen riesigen Berg vor uns sehen? Woher sollen wir die Kraft nehmen, wenn uns Probleme und Sorgen überwältigen?

Gott rüstet mich mit Kraft. Aus diesem Satz spricht Zuversicht, Gewissheit, Trost. Hier weiß jemand: Gott hilft mir, zu bestehen. Er weiß, was ich brauche. Ich muss nicht aus meiner eigenen, zuweilen kleinen Kraft heraus alles schaffen. Gott gibt mir die Kraft, die ich brauche. Diese Zuversicht kann stark machen. Sie kann trösten, wenn die eigene Kraft nicht reicht. Dann können wir „auftanken“ bei Gott. Das sind die Pausen, die wir brauchen, um zur Ruhe zu kommen, durchzuatmen, nachzudenken, still zu werden und den Zuspruch Gottes zu hören und zu spüren. Diese Pausen räumt Gott uns ein, am Ruhetag, aber auch zwischendurch im Alltag. Vielleicht ist es die Zeit des Gebets, vielleicht ein Spaziergang, oder einfach nur da sitzen und der Natur lauschen. Diese Pausen dürfen und müssen sein. Niemand hat die Kraft, ständig aktiv zu sein, stetig zu tun und zu laufen. Wer keine Zeit hat, Gottes Gegenwart zu spüren, dem geht irgendwann die Puste aus.

Gott rüstet mich mit Kraft. Das macht mutig und stark, die Aufgaben anzugehen, die vor uns liegen. Das macht zuversichtlich, dass wir uns nicht verausgaben müssen, sondern durch seinen Geist immer wieder gestärkt werden. Das tröstet auch, wenn wir merken, dass unsere Kraft allein nicht ausreicht, um unsere Aufgaben zu bewältigen. Gott rüstet mich mit Kraft. Dessen dürfen wir gewiss sein. Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

4. Sonntag nach Trinitatis

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19, 10

Zachäus ist ein armer Mann. Er hat zwar viel Geld und ein Dach über dem Kopf, das mit Sicherheit edel und teuer ist. Aber er hat keine Freunde. Niemand schenkt ihm Beachtung, schlimmer noch: niemand zeigt wirklichen Respekt. Vielleicht haben manche Leute vor ihm Angst – aber das wäre auch kein Grund zur Freude. Sein ganzer Lebenssinn scheint darin zu bestehen, immer noch mehr Geld anzuhäufen. Auch das macht nicht wirklich Freude.

Zachäus ist ein kleiner Mann. Auch wenn sein Reichtum groß ist, reicht es nicht aus, über die Anderen hinwegzusehen. Im Gegenteil: sie versperren ihm die Sicht. Er muss sich viel Mühe geben, um eine freie Sicht zu bekommen. Und er ist zwar klein, aber nicht dumm. Versteckt in einem Baum und unbehelligt von den Anderen kann er nun sehen, wer dafür sorgt, dass Menschen zusammenkommen, hören und sehen wollen, was Hoffnung macht.

Jesus sieht Zachäus, den armen, reichen, kleinen aber nicht dummen Mann im Baum. Die Anderen hatten ihn nicht entdeckt. Aber Jesus findet Zachäus und geht mit diesem in dessen Haus. Es interessiert ihn nicht, wie die Anderen über Zachäus denken. Und warum sie so über Zachäus denken. Es interessiert ihn auch nicht, was die Leute davon halten, dass er „mit so einem“ an einem Tisch sitzen will.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Das ist Jesu Antwort auf die Fragen der Anderen, auf ihre Verwunderung und gar Empörung.
Und Zachäus hat Jesu Antwort genau so verstanden:
In diesem Menschen Jesus ist Gott zu mir gekommen. Er hat mich gesucht und hat mich gefunden, obwohl ich mich vor allem und Allen versteckt hatte. Er ist in mein Haus gekommen und hat mit mir an meinem Tisch gesessen. Er ist in mein Leben gekommen und hat da Platz genommen. Alles hat sich für mich verändert. Mein ganzes Leben hat einen neuen Sinn bekommen. Jetzt kann ich mein Leben ändern, jetzt kann ich ein Anderer werden. Jetzt bin ich wirklich reich. Nicht mehr verloren, sondern selig, zufrieden, glücklich, voller Lebensfreude und Hoffnung.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19, 10

Zachäus ist ein armer Mann. Er hat zwar viel Geld und ein Dach über dem Kopf, das mit Sicherheit edel und teuer ist. Aber er hat keine Freunde. Niemand schenkt ihm Beachtung, schlimmer noch: niemand zeigt wirklichen Respekt. Vielleicht haben manche Leute vor ihm Angst – aber das wäre auch kein Grund zur Freude. Sein ganzer Lebenssinn scheint darin zu bestehen, immer noch mehr Geld anzuhäufen. Auch das macht nicht wirklich Freude.

Zachäus ist ein kleiner Mann. Auch wenn sein Reichtum groß ist, reicht es nicht aus, über die Anderen hinwegzusehen. Im Gegenteil: sie versperren ihm die Sicht. Er muss sich viel Mühe geben, um eine freie Sicht zu bekommen. Und er ist zwar klein, aber nicht dumm. Versteckt in einem Baum und unbehelligt von den Anderen kann er nun sehen, wer dafür sorgt, dass Menschen zusammenkommen, hören und sehen wollen, was Hoffnung macht.

Jesus sieht Zachäus, den armen, reichen, kleinen aber nicht dummen Mann im Baum. Die Anderen hatten ihn nicht entdeckt. Aber Jesus findet Zachäus und geht mit diesem in dessen Haus. Es interessiert ihn nicht, wie die Anderen über Zachäus denken. Und warum sie so über Zachäus denken. Es interessiert ihn auch nicht, was die Leute davon halten, dass er „mit so einem“ an einem Tisch sitzen will.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Das ist Jesu Antwort auf die Fragen der Anderen, auf ihre Verwunderung und gar Empörung.
Und Zachäus hat Jesu Antwort genau so verstanden:
In diesem Menschen Jesus ist Gott zu mir gekommen. Er hat mich gesucht und hat mich gefunden, obwohl ich mich vor allem und Allen versteckt hatte. Er ist in mein Haus gekommen und hat mit mir an meinem Tisch gesessen. Er ist in mein Leben gekommen und hat da Platz genommen. Alles hat sich für mich verändert. Mein ganzes Leben hat einen neuen Sinn bekommen. Jetzt kann ich mein Leben ändern, jetzt kann ich ein Anderer werden. Jetzt bin ich wirklich reich. Nicht mehr verloren, sondern selig, zufrieden, glücklich, voller Lebensfreude und Hoffnung.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

2. Sonntag nach Trinitatis

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
(Matthäus 11, 28)

Gott, meine Seele ist unruhig.
Mein inneres Gleichgewicht gerät immer wieder aus den Fugen.
Fragen, die keine Antwort finden.
Ängste, die diffus bleiben.
Ungeduld, die mir die Ruhe raubt.
Freiheit, die immer wieder in Frage steht.

Wann hört die Ausnahme wieder auf?
Wann wird wieder alles „normal“?
Wann kann ich wieder so leben, wie ich es möchte?

Ich möchte meine Freundin in den Arm nehmen, wenn sie traurig ist.
Ich möchte den Menschen im Alltag begegnen ohne Furcht vor Ansteckung.
Ich möchte mein Gesicht nicht hinter einer Maske verstecken müssen.
Ich möchte die Gesichter der Anderen sehen.
Ich möchte direkte, keinen digitalen Begegnungen.

Gott, du sagst mir:
Mit all den Gedanken und Fragen,
mit der ganzen Last, die müde macht,
kannst du zu mir kommen.
Alles kannst du aussprechen.
Alles kannst du abladen, mir vor die Füße legen.

Ich will euch erquicken.

Es wird dich befreien, auszusprechen, was dich bedrückt.
Es wird dir guttun, dass dir jemand zuhört.
Deine Last ist bei mir gut aufgehoben.
Es wird deinen Blick weiten und lenken auf das Leben, das jetzt auch möglich ist,
auf die Schönheit, die Wahrheit, das Helle.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass die Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichenGütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
(Psalm 36, 6-10)

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

1. Sonntag nach Trinitatis

Du bist ein Gott, der mich anschaut.

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Eine starke Gemeinschaft – eine Idealvorstellung? Eine Utopie?
Menschen sind soziale Wesen, angewiesen auf gegenseitige Solidarität und Hilfe. Allein kann der Mensch schlecht leben, das haben wir in den letzten Wochen und Monaten gesehen. Wenn Besuche unterbleiben müssen, wenn zwischenmenschliche Kontakte reduziert werden müssen auf Telefon und Video, dann reicht uns das auf Dauer nicht aus. Es fehlt die Berührung, das miteinander sprechen von Angesicht zu Angesicht, der Kontakt, der uns auch emotional berührt. Und viele Menschen, die ohnehin schon nicht viele Kontakte hatten, leiden in dieser Zeit noch mehr unter der Einsamkeit. Und Einsamkeit macht die Seele krank.
Wir haben auch gespürt: Das gemeinsame Feiern des Gottesdienstes hat gefehlt. Eine Audio-Datei, ein Fernseh-Gottesdienst, ein You-Tube-Video – all das ist kein wirklicher Ersatz für einen „Präsenz-Gottesdienst“, eine Zusammenkunft in der Kirche. Gottesdienst feiern ist mehr als Hören und Sehen. Gottesdienst feiern ist zusammen feiern, beten, hören, fühlen. Gottesdienst feiern berührt alle Sinne, ist ein Geschehen, das den ganzen Menschen erfassen kann.
Ein Herz und eine Seele – so lebten die ersten Christen in ihrer Gemeinde. Auch wenn der Predigttext hier „nur“ von der Gütergemeinschaft der ersten Gemeinde erzählt, steckt hinter dem Ein Herz und eine Seele mehr. Im 2. Kapitel der Apostelgeschichte wird geschildert, die ersten Christen ihr Gemeindeleben gestaltet haben: Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Eine starke Gemeinschaft – das ist für die ersten Christen mehr als Gütergemeinschaft. Ihnen ist die Glaubensgemeinschaft wichtig. Sie bestärken sich gegenseitig in ihrem Glauben an Gott, sie bewahren die Worte und Taten Jesu Christi in ihren Herzen. Sie geben aufeinander acht und sorgen sich umeinander. Gemeinsames Brotbrechen und gemeinsame Mahlzeiten stärken die Gemeinschaft. Glaubensgemeinschaft ist auch Gemeinschaft der Herzen und Seelen. Die ersten Christen teilten ihren Glauben, ihre Zeit, ihre seelischen und geistlichen Bedürfnisse miteinander – die Gütergemeinschaft war eine Konsequenz aus ihrer Glaubens- und Lebensgemeinschaft.
Ein Herz und eine Seele – ein hohes Ideal. Vielleicht klappt es nicht immer, diesen idealistischen Gemeinschaftsgedanken hoch zu halten. Aber die Idee, unser Zusammenleben so zu gestalten, lässt sichtbar werden, welche Hoffnung uns in unserem Leben trägt. Denn diese ideale Gemeinschaft ist ein Hinweis auf das Reich Gottes, das seine Wirksamkeit im Zusammenleben der Menschen schon jetzt hier „mitten unter uns“ entfaltet, da wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen und Gemeinde gestalten als Glaubensgemeinschaft und auch als Lebensgemeinschaft.
Ein Herz und eine Seele – das klappt nicht immer. Aber im Grundsatz können wir ein Herz und eine Seele sein, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass uns der Geist Gottes zu einer Gemeinde Christi zusammenführt und wir dies feiern, sonntags im Gottesdienst und alltags, indem wir aufeinander achten und uns umeinander kümmern. Und wenn wir uns bewusst machen: Wir stehen und gehen, glauben und leben miteinander unter dem Segen Gottes.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Sonntag Trinitatis

Du bist ein Gott, der mich anschaut.
Du bist die Liebe, die Würde gibt.
Du bist ein Gott, der mich achtet.
Du bist die Mutter, die liebt,
du bist die Mutter die liebt.

Dein Engel ruft mich da, wo ich bin:
„Wo kommst du her und wo willst du hin?“
Geflohen aus Not in die Einsamkeit,
durchkreuzt sein Wort meine Wüstenzeit.

Dieser Text ist der Refrain und die erste Strophe eines Liedes aus dem Liederbuch „freiTöne“ für den Kirchentag 2017: Hagars Lied. An dieses Lied musste ich sofort denken, als ich den Predigttext für diesen Sonntag las (4. Mose 6, 22-27):

Und der HERR redete mit Mose und sprach:
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Gott sieht mich. Er wendet mir sein Angesicht zu. Er sieht meine Not, meine Einsamkeit, meine Ratlosigkeit. Er sieht nicht weg. Er hört nicht weg. Nicht einmal, wenn ich vor allem davonlaufe, weil ich keinen anderen Ausweg mehr weiß. Er läuft mit, meinen Weg in die Wüste, er geht mir nach und spricht mit mir – er bleibt nicht stumm. Er gibt mir, der Sklavin, Würde und Achtung.

Das ist die Erfahrung, die Hagar macht – Hagar, die ungeliebte Nebenfrau, die Konkurrentin Saras, die den Platz räumen muss. Hagar, die Fremde, die mit Abraham einen Sohn haben wird: Ismael. Auch er wird, wie Isaak, Stammvater eines Volkes werden.

Der Segen Gottes ist mehr als die Zusage seines Schutzes, mehr als seine Begleitung auf unserem Lebensweg. Sein Angesicht leuchtet über uns, gibt uns Frieden – mehr geht nicht. Die Zusage, dass Gott uns sieht, wenn niemand auf uns achtet; dass Gott unseren Weg hell erleuchtet, wenn alles um uns herum dunkel und verworren ist; dass Gott uns in unserem Unfrieden Frieden gibt – das ist ein Segen, der so groß ist, dass es kaum zu fassen ist.

Hagar, die diesen großen und großartigen Segen Gottes spürt, kann mit sich selbst ins Reine kommen. Sie gewinnt an Selbstachtung, sie wird gewahr: auch sie als Sklavin und Fremde hat Würde, Menschenwürde – weil Gott ihr mit seiner liebevollen Zuwendung diese Würde gibt. Ihre Herkunft, ihre gesellschaftliche Stellung, auch ihre Schwächen und ihr sicherlich nicht einwandfreies Verhalten gegenüber Sara, all das hindert Gott nicht daran, sich Hagar als der liebende und sorgende Gott zu zeigen. Sein Angesicht leuchtet ihr in der Wüste, sein Blick trifft sie und hebt sie aus dem Wüstenstaub. Hagar spürt Frieden, Shalom, Schutz, Licht und Heilung.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Übrigens: Hagars Geschichte kann in 1. Mose 16 und 21 nachgelesen werden.

Pfingsten

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.
(Sacharja 4, 6b)

In der Bibel wird uns eine wundersame Geschichte zum Pfingsttag erzählt: Die Jünger, allen voran Petrus, sind beseelt von der Botschaft, die sie unter das Volk bringen wollen. Mit starken Bildern erzählt die Apostelgeschichte, wie alles beginnt, was sich bis heute fortsetzt: die Geschichte der Kirche (Apostelgeschichte 2, 1-21).
Das Rauschen wie von einem starken Wind, das das ganze Haus erfüllt, in dem die Jünger sich aufhalten, ist nicht zu überhören. Etwas wie züngelnde Flammen, die jeden berühren, gleichsam in Brand setzen, sie sind nicht zu übersehen, und jeder kann sie spüren.
Der Geist Gottes kommt mit einer solchen Macht, dass niemand ihm widerstehen kann. Er holt jeden aus dem sicheren Versteck des Hauses in die Öffentlichkeit. Die Botschaft muss unter die Leute, der Jubel über die Befreiung zur Lebendigkeit muss laut herausgerufen werden.

Die Jünger, die gerade noch mutlos waren, überkommt diese große Kraft, wie ein Sturmwind. Bewegt vom Heiligen Geist sprechen sie von Jesus Christus, und das Wunder geschieht: Jeder kann sie in seiner eigenen Sprache verstehen. Jeder und jede fühlt sich angesprochen, verstanden, berührt. Die Menschen können diese Kraft spüren, diesen Geist, der alle Schranken des Nicht-verstehen-Könnens einreißt, der Mauern in den Köpfen der Menschen überwindet. Welch ein Wunder! Kein Mensch kann – allein nur mit seinem Verstand, seiner Überzeugungskraft oder gar mit Gewalt so etwas schaffen.
Viele lassen sich taufen: Die Kirche ist geboren.
Können wir uns vorstellen, dass wir uns von einer solchen Kraft beseelen lassen? Können wir uns vorstellen, dass wir uns so berühren und ansprechen lassen können?
Pfingsten lädt ein, darüber nachzudenken, welche Sprache wir sprechen: die Sprache der Angst oder die der Liebe. Der Pfingstgeist hält Jesus unter uns lebendig. Es ist ein Geist, der Menschen verbindet und nicht trennt, der befreit und nicht einengt, ein Geist, der uns die Augen öffnet für Unrecht und uns den Mund auftut für die Wahrheit. Ein Geist, der aus dem Tod ins Leben ruft. Ein Geist, der uns befreit zur Hoffnung, dass alles gut wird, weil Gott es mit uns gut meint – im Leben wie im Sterben, im Glauben wie im Nicht-glauben-Können, in der Welt wie in der Kirche.

Der Geist Gottes, der so mächtig in uns wirken will, lenkt unseren Blick auf das Wunder, das er vollbringen kann. Er will uns begeistern, und er will, dass wir unsere Begeisterung teilen mit allen Menschen, denen wir begegnen. Wir sollen nicht über alles Schwierige und Belastende in unserem kirchlichen Leben hinwegsehen. Aber der Geist Gottes gibt uns einen andere Perspektive auf all das, was um uns herum passiert: Nicht das, was fehlt, stellt er uns vor Augen, sondern das, was bei allen Defiziten möglich ist. Nicht auf das, was wir nicht können, sollen wir sehen, sondern auf die Möglichkeiten, die er uns schenkt: Miteinander in unseren Worten sprechen, miteinander das Leben feiern; unsere Grenzen öffnen und füreinander dasein; uns gegenseitig berühren – mit guten Worten, Gedanken, Gesten und Taten.
Es ist soviel Freiheit da in allem, was uns besonders in diesen Tagen einschränkt, es ist soviel Kreativität und Phantasie möglich, wenn wir genau hinsehen und hinhören. Gottes Geist schenkt uns Kraft und Mut, diese Perspektive im Blick zu haben und zu erhalten, jetzt und über schwierige Zeiten hinaus.

Dies ist der Tag, den der HERR macht;
Lasst uns freuen und fröhlich an Ihm sein!
O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!
Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!

Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid.
Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott, und ich danke Dir;
mein Gott, ich will Dich preisen.
Danket dem HERRN; denn Er ist freundlich,
und Seine Güte währet ewiglich.
(aus Psalm 118)

HERR, unser Gott, segne uns und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen

6. Sonntag nach Ostern - Exaudi! - Höre

Herr, höre meine Stimme! (Psalm 27,7)

Der Herr ist mein Licht und mein Heil,
vor wem sollte ich mich fürchten?
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und erhöre mich!
Denn du bist meine Hilfe, verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!
Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!
(aus Psalm 27)

„Wenn ich bete, höre ich oft keine Antwort. Dann frage ich mich: Hört Gott zu? Hört er mich?“ Wenn ich mit Jugendlichen und Kindern über das Beten spreche, höre ich oft diese Frage. Beten ist eine sehr persönliche Erfahrung, da gibt es keine allgemeingültige Aussage wie etwa: „Du musst nur ernsthaft genug beten, du musst dich bemühen, dann wird Gott sich dir schon zeigen und dir antworten.“ Nein, so einfach ist es nicht. Es ist schwierig, mit jemandem zu sprechen und ihm etwas anzuvertrauen, den man nicht sieht und hört. Wir sind es gewohnt, mit jemandem zu kommunizieren, der ein konkretes Gegenüber ist. Beten ist da eine schwierige Form der Kommunikation.
Das weiß auch der Mensch, dessen Worte wir hier im 27. Psalm lesen. Einerseits spricht er von seiner Gewissheit, dass er Gott auf seiner Seite weiß. Andererseits hören wir auch seine Unsicherheit: Hört er mich? Nimmt er mich wahr, mit meinen Sorgen und Ängsten? Mit meinen Schuldgefühlen und meinen Zweifeln? Ist er wirklich da? Der Psalmbeter scheint das Gefühl der Schutz- und Hilflosigkeit zu kennen. Vielleicht denkt er in mancher Situation: Hat Gott mich jetzt verlassen? Hat er sich von mir abgewendet? Und dann erinnert er Gott daran: Du bist meine Hilfe! Das hast du mir doch versprochen!
Wir sehen in diesem Psalmgebet, wie hin- und hergerissen der Betende ist: zwischen Zuversicht und Unsicherheit, zwischen Gewissheit und Zweifel, ja, zwischen Mut zur Hoffnung und Verzagtheit. So geht es uns wahrscheinlich auch, wenn wir beten. Ich finde es ermutigend, das der Psalmbeter hier trotz aller Fragen, die er an Gott hat, die Hoffnung nicht aufgibt, dass Gott ihm doch zuhört und ihn erhört. Er hört nicht auf, sich mit seinen Gedanken an Gott zu wenden. Und schließlich: Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
In seinem tiefsten Inneren seiner Seele bleibt diese Hoffnung von allen Zweifeln und aller Furcht unberührt: Gott ist mit seiner Güte und seinem Segen bei mir. Bei ihm bleibe ich lebendig. Er begleitet mich auf meinem Weg durch Dunkelheit und Heillosigkeit. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?

Gott – mein Licht
Er erleuchtet mir meinen Weg, wenn ich mich in den Wirren der Zeit zu verirren drohe.
Gott – mein Licht
Er gibt mir Orientierung, wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß.
Gott – mein Licht
Er erhellt mir meine Seele, wenn dunkle Gedanken mich unruhig machen.
Es gibt keinen Grund, warum ich mich fürchten müsste.

Gott – mein Heil
Er sagt mir, dass er bei mir ist mit seinem Schutz.
Gott – mein Heil
Bei ihm kann ich mich geborgen fühlen.
Gott – mein Heil
Meine Seele kann ruhig werden, und alles wird gut.
Es gibt keinen Grund, warum ich mich durch meine Sorgen gefangennehmen lassen müsste.

Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Christi Himmelfahrt - Der Himmel ist offen!

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
(Johannes 12, 32)

Christi Himmelfahrt ist ein Abschied. Weihnachten, Ostern, Pfingsten feiern einen Beginn, feiern Ankunft; an Himmelfahrt schauen wir auf das Ende der Osterzeit, auf das Ende der Zeit, in der der Auferstandene seinen Jüngern und Anhängern erscheint, bei ihnen auf wundersame Weise anwesend ist und mit ihnen redet und Tischgemeinschaft hat.
Der auferstandene Jesus zeigt sich seinen Jüngerinnen und Jüngern, spricht mit ihnen, verbringt Zeit mit ihnen. Das gibt ihnen Hoffnung: Bleibt er jetzt doch bei uns? Wird jetzt alles gut? Ist das jetzt der Beginn der Neuen Zeit? Und doch verabschiedet Jesus sich von ihnen ein zweites Mal:

Ich werde den Geist zu euch senden, den mein Vater versprochen hat. Bleibt hier in der Stadt, bis ihr diese Kraft von oben empfangen habt.
Dann hob er die Hände und segnete sie. Und dann, während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie warfen sich vor ihm auf die Knie. Dann kehrten sie voller Freude nach Jerusalem zurück. Sie verbrachten die ganze Zeit im Tempel und lobten Gott. (Lukas 24, 49.51-53)

Mit der Himmelfahrt ist die Gegenwart Christi zuende.
Jesus entfernt sich von seinen Jüngerinnen und Jüngern, heißt es bei Lukas. Und doch ist dies nicht ein trauriger Abschied, nicht so wie Karfreitag, an dem alles Hoffen und Vertrauen sinnlos geworden schien. Himmelfahrt ist da anders, ein wenig wehmütig vielleicht, aber nicht verzweifelt, niedergeschlagen sind die Jünger, die miterleben, wie Jesus sich ihren Blicken entzieht. Nein, Hoffen und Vertrauen haben wieder einen Sinn für die Jünger. Sie bleiben nach diesem Abschied zusammen, „einmütig im Gebet“, wie es an einer Stelle in der Apostelgeschichte heißt. Denn für sie hat etwas Neues begonnen. Für sie hat die Zukunft begonnen. Denn Jesus bleibt ihnen ganz nah.

Der Himmel ist offen – die Grenze zwischen Himmel und Erde ist überwunden.
Der Horizont ist weit und hell.

Pfingsten leuchtet schon auf: Gottes Geist – Lebens- und Glaubenskraft – wird zu Euch kommen.
Ihr werdet stark sein, weil Gottes geist Euch behütet.
Ihr werdet mutig sein, weil Gottes Geist Euch mit Hoffnung und Zuversicht erfüllt.
Ihr werdet froh sein, weil Gottes Geist Euch den Weg in Seine gute Zukunft weist.
Ihr werdet leben können, weil Gottes Reich schon mitten in Eurem Leben wirksam ist.

Die Jünger und Jüngerinnen kehren nach diesem Erlebnis voller Freude in ihr Leben zurück. Und auch wenn sie in der folgenden Zeit unter Verfolgung und Angst vor Repressalien leiden und sich verstecken müssen: an ihrer Freude und an ihrer Hoffnung auf den Geist Gottes halten sie fest.

Der Himmel ist offen – die Grenze zwischen Himmel und Erde ist überwunden.
Der Horizont ist weit und hell.

Der Sinn der Himmelfahrt liegt nicht in dem, was einstmals war, sondern in dem, was sie uns heute sehen lässt. Uns wird ein Leben aus der Zukunft Christi vor Augen gestellt, Christi Ankunft in meinem Leben, im Leben der Gemeinde. Christus im Himmel bei Gott, das macht Sinn und hat nichts zu tun mit einer Distanz Christi zu uns. Im Gegenteil: Christus lässt sich aus dem Himmel sehen – und siehst du ihn, dann siehst du Gott.

Der Himmel ist offen – die Grenze zwischen Himmel und Erde ist überwunden.
Der Horizont ist weit und hell.

Herr, unser Gott,
die Bibel erzählt uns von der Himmelfahrt Jesu Christi. Hilf uns zu verstehen, dass du uns damit nicht ferngerückt bist, sondern die Grenze zwischen Himmel und Erde überwunden hast.
Jetzt baust du an deinem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens hier, mitten unter uns.
Lass uns aus Hoffnungslosigkeit und Sorgen aufschauen und unseren Blick froh darauf richten, dass du – Vater, Sohn und Heiliger Geist – lebst und herrschst von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

5. Sonntag nach Ostern - Rogate - Betet

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
(Psalm 66, 20)

In der Bergpredigt findet sich ein Abschnitt, der sich mit dem Beten befasst. Er ist für diesen Sonntag zur Predigt vorgeschlagen: Matthäus-Evangelium 6, 5-15. Ich greife einen Vers daraus auf, der mir heute besonders wichtig ist:

Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegel die Tür.
Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.
Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.
(Mt 6, 6)

Im Yoga gibt es eine Übung, bei der man sich auf den Boden setzt, die Beine gerade nach vorne legt und den Oberkörper leicht darüber beugt. Die Hände liegen locker auf den Beinen, das Kinn sinkt zur Brust. Eine Haltung des In-sich-gekehrt-Seins. Meine Yoga-Lehrerin sagt dann immer dazu: „Ich betrete meinen Raum des inneren Friedens“.
Nun ist mein innerer Raum häufig reichlich unaufgeräumt. Da liegen Ärger und Enttäuschungen herum. Dinge, die mich wütend oder traurig machen, finden sich in den Ecken. Und über viel Unerledigtes und Weggeschobenes kann ich ständig stolpern. Und laut ist es auch manchmal: Wenn die Stimmen der Erwartungen und Anforderungen sich melden. Sicher, auch schöne Augenblicke und Erlebnisse, die mich freuen, und Glücksmomente lassen sich entdecken – manchmal muss ich sie hervorkramen. Sie kennen das? Mein innerer Raum ist oft chaotisch und anstrengend. „Innerer Frieden“ hört sich für mich da eher nach Ordnung, nach Ruhe und nach Freiraum an.

Wenn ich den Vers aus der Bergpredigt lese, fällt mir dieses Bild ein. Das Bild vom „inneren Frieden“, das Bild des In-sich-gekehrt-Seins.
Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegel die Tür, werde ich aufgefordert: Zieh dich zurück in dein stilles Kämmerlein.
Beten heißt: Ich trete heraus aus allem, was mich bewegt und beschäftigt.
Ich lasse für einen Moment alles, was von außen auf mich einwirkt, draußen:
Den Alltagstrubel,
die lauten und leisen Stimmen anderer Menschen,
den Druck fremder Einflüsse,
die Anforderungen, die auf mich einprasseln,
die Verpflichtungen, die mich fesseln.
Ich mache die Tür zu und betrete meinen Raum, in dem ich sein kann, wie ich bin. Jetzt kann ich in mich hineinhorchen: Was brauche ich? Was spüre ich?
Beten heißt: Ich trete in Beziehung zu Gott. Im Gebet geht es um Gott und mich. Mein Gebet ist meine Sache – eine Angelegenheit zwischen Gott und mir. Intim, privat – der Öffentlichkeit entzogen.
Beten heißt also: ich bin ganz bei mir und in mir. Und: ich bin ganz bei Gott und in Gott. Mein stilles Kämmerlein ist der Raum und die Zeit, die ich mir für das Gebet nehme.

Alles kann ich vor Gott bringen:
Meine Sorgen und Ängste,
mein Ärger und meine Enttäuschungen.
Meine Wut und meine Trauer und meine Zweifel.
Meine Leere und meine Sprachlosigkeit.
Und meine Freude und mein Glück.
Mein stilles Kämmerlein kann überall sein:
Der Blick aus dem Fenster in einen Sonnenaufgang.

Mein Zimmer mit dem gemütlichen Sofa.
Der Wald, durch den mich ein Spaziergang führt.
Eine Zeit im Gottesdienst, den ich in der Kirche mit anderen zusammen feiere.
Das Schweigen mit einem guten Freund oder einer guten Freundin.
Im Gebet komme ich zur Ruhe, komme ich zu mir und zu Gott. Das Gebet ist meine Pause, in der ich Kraft schöpfen und Trost finden kann. Und nach dieser Pause kann ich gestärkt und erfrischt wieder „nach draußen“ gehen, mich meinen Aufgaben stellen und mich für meine Mitmenschen öffnen.

Im Gebet kann ich mich sortieren und in meinem inneren Raum Ordnung schaffen. Ich kann meine Aufmerksamkeit von der Fülle all dessen, was täglich auf mich einwirkt, lösen und auf das Wesentliche lenken: Ich bin bei Gott gut aufgehoben und behütet mit allem, was mich ausmacht und wie ich bin. Dann betrete ich meinen Raum des inneren Friedens.

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Kantate - 4. Sonntag nach Ostern

Und hier einige Gedanken zum vierten Sonntag nach Ostern – Kantate – auch dies ein Sonntag der Freude, des Jubels, der Zuversicht: Singt dem Herrn ein neues Lied! (Ps 98,1)

Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!
Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.
Der Herr lässt sein Heil kundwerden;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.
Jauchzt dem Herrn, alle Welt, singt, rühmt und lobt!
Lobt den Herrn mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen jauchzt vor dem Herrn, dem König!
Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn;
denn er kommt, das Erdreich zu richten.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Amen

SINGT!
Singen ist ein Ausdruck der Freude und der Lebenslust, besonders, wenn es ein Lied zum Lobe Gottes ist. Wir hören geradezu, wie alles singt und jubelt, wenn wir diese Verse aus dem Psalm 98 lesen. Welch eine Freude! Und welch eine Musik! Sogar die Natur stimmt mit ein in den Lobgesang. Welt-Musik im wahrsten Sinne des Wortes.

Und dann: die Landeskirche empfiehlt dringend, in den Gottesdiensten, die jetzt wieder gefeiert werden können, NICHT ZU SINGEN! Man weiß es noch nicht so genau, aber man vermutet, dass die Ansteckungsgefahr beim Singen durch das Ausatmen feinerer Tröpfchen und das tiefere Einatmen größer ist als sonst schon. Also zum Lobe Gottes in den Mundschutz murmeln?
Andererseits: Ein Gottesdienst ohne Lieder ist für uns kaum vorstellbar. Selbst Menschen, die nicht mitsingen, sagen mir: Der Gesang ist ein unverzichtbares Element des Gottesdienstes.

DEM HERRN!
Singen befreit. Wenn ich singe, lasse ich alles raus, was ich fühle, denke, glaube. Singen ist da manchmal einfacher als sprechen. Wenn ich etwas in Worten ausdrücken will, dann suche ich oft nach den richtigen Worten, finde sie vielleicht manchmal nicht so richtig. Ein Lied ist da oft einfacher. Weil die Melodie schon so viel transportiert. Darum geht es manchen Menschen so, dass es ihnen schwerfällt, ein Gebet in Worte zu fassen. Aber für das, was sie Gott sagen wollen, fallen ihnen Lieder ein, die ihren Gemütszustand ziemlich genau wiedergeben. Alles, was ich Gott sagen will, alles, was mir an und auf dem Herzen liegt, kann ich ihm SINGEN!

EIN NEUES LIED!
Das ist ja so eine Sache, das mit den neuen Liedern. Viele Gottesdienstbesucher kennen die neuen Lieder nicht. Im Gesangbuch stehen eigentlich auch keine neuen Lieder, sondern Altbekanntes und Altbewährtes. Obwohl: Auch viele alte Lieder im Gesangbuch sind unbekannt und können vielleicht neu entdeckt werden! Blättern Sie doch einmal in Ihrem Gesangbuch und gehen Sie auf Entdeckungsreise!
Neue Lieder – das heißt auch: etwas Neues in den Blick nehmen, eine neue Perspektive entwickeln. Davon spricht der 98. Psalm nämlich: nach einer schwierigen Zeit nach vorn gucken und von Zuversicht singen. Schwieriges und Belastendes hinter sich lassen – nicht vergessen, aber sich nicht mehr davon gefangennehmen lassen.
Singen befreit! Und so kann jedes Lied neu werden, wenn es meinen Blick befreit und mich neu in die Welt gehen, sehen und hören lässt. Und der Jubel der Natur – das merken wir gerade im Frühling ganz besonders – ist jeden Tag EIN NEUES LIED!

Eines meiner Lieblingslieder, das ich immer wieder neu entdecken kann, ist der Psalm 103 des Genfer Psalters, im ersten Teil unseres Gesangbuches zu finden:

Lobsinge Gott, erwecke deine Kräfte,
mein Geist, sein Lob sei immer dein Geschäfte.
O bet ihn an, sein Nam ist Majestät.
Lobsing dem HERRN, erheb ihn, meine Seele!
Er sorget treu, dass dir kein Gutes fehle.
Vergiss den nicht, der dich durch Huld erhöht.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Jubilate- 3. Sonntag nach Ostern

Alles neu.

Die Welt steht still – zumindest sind die üblichen Aktivitäten auf allen gesellschaftlichen Ebenen eingeschränkt und heruntergefahren. Das Tempo unseres Alltags hat sich drastisch reduziert. Schon sprachen viele von „Entschleunigung“.

Alles neu.
Vieles ist anders geworden. Und die Chance, dass wir manche Dinge anders sehen und überlegter angehen können, tritt deutlicher zutage. Diese Chance war immer schon da. Aber es lief ja alles gut. Wir hatten immer auf alles eine Antwort. Wir fanden immer eine Antwort. Wir hatten kaum noch Fragen. Das hat sich geändert.

Alles neu.
Auch das hat sich im Laufe der letzten Wochen geändert: Von „Entschleunigung“ spricht kaum noch jemand. Die Ungeduld wird größer. Forderungen nach mehr Lockerungen, nach Entscheidungen, die der Wirtschaft helfen, nach einer „Rückkehr zur Normalität“ werden lauter. Ob wir die Chance wahrnehmen werden, gesellschaftliche Missstände, die nun in der Corona-Zeit besonders deutlich werden, zu bearbeiten? Ob wir unser Konsumverhalten und unsere Haltung zu Umwelt- und Klimaschutz grundsätzlich verändern werden? Da sind doch inzwischen leise Zweifel zu vernehmen. Sollte das Danach etwa doch so werden wie das Vorher?

Alles neu.
Krise heißt: Entscheidung. Die Corona-Zeit hat uns dazu gebracht, dass wir nicht einfach „so weitermachen“ können. Wir können uns entscheiden, wie wir unser gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches, auch unser kirchliches Leben weiterhin gestalten wollen. Und wir können uns entscheiden, wie wir unseren Lebensweg weitergehen wollen.

Alles neu.
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Das schreibt Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther (2. Kor 5,17) – die Losung, unter der die nächste Woche gestellt ist.
Im Predigttext für diesen Sonntag (Joh 15, 1-8) heißt es: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Der Weinstock ist zu einem Symbol geworden – Jesus, der Weinstock, der die Reben ernährt, die Menschen, die ihm folgen, die ihm vertrauen und ihre Hoffnung auf ihn setzen; Jesus, der dafür sorgt, dass die Menschen, die an ihn glauben, „Früchte“ sind, die der Welt zeigen: Bei Ihm ist das wahre Leben. Von Ihm bekommen wir, was wir zum Leben brauchen: Kraft, Mut, Zuversicht, Wahrhaftigkeit – und deswegen auch: Freiheit, Liebe, Frieden.

Sind und bleiben wir bei Jesus, sind wir wie neugeboren, neu erschaffen. Jeden Tag haben wir die Chance, einen Neuanfang zu wagen, ohne Angst. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit, uns neu zu besinnen, neue Entscheidungen zu treffen, die unserem Denken, Reden und Handeln eine neue Richtung geben. Und jeden Tag wieder neu: wir können uns Gott anvertrauen mit allen unseren Sorgen und Fragen, unsere Zweifel bei Ihm lassen und mit Ihm uns des aufblühenden und grünenden Lebens freuen.

Alles neu.

Jauchzt Gott, alle Lande!
Lobsingt zur Ehre seines Namens;
rühmt ihn herrlich!
Sprecht: wie wunderbar sind Deine Werke!
Lobt, ihr Völker, unseren Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsere Seele am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.
(aus dem 66. Psalm)

Gott, Du Schöpfer allen Lebens,
wir bitten Dich:
Wecke in uns neues Leben,
wecke in uns neue Kraft und neuen Mut.
Wärme uns mit Deinem Geist der Liebe.
Weise uns auf den richtigen Weg mit Deinem Licht der Wahrheit.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass Dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe Dein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Misericordias Domini – 2. Sonntag nach Ostern, nach den Worten aus Psalm 33,5: Die Erde ist voll der Güte des HERRN.

Ich bin hin und her gerissen.
Die Natur zeigt mir: Alles blüht. Alles wächst.
Bald werden die Früchte sichtbar werden.
Die Sonne scheint. Der Himmel strahlt in einem freudigen Blau.
Ungetrübter Frühling.
Man könnte:
Sich mit Freunden treffen. Ausflüge machen. Picknick veranstalten.
Das Leben feiern.

Doch das Leben ist immer noch verhalten.
Das Gefühl der Unfreiheit wird immer stärker.
Gemeinschaft leben, sich begegnen, gemeinsam das Leben feiern –
das geht nur aus der Ferne, mit Abstand, virtuell.

Und doch: Die Erde ist voll der Güte des HERRN.
Wenn ich diesen Vers lese, richtet sich mein Blick wieder auf das Wesentliche.
Die Warteschleife des Lebens, in der wir uns gerade befinden, wird zuende gehen, Gottes Güte nicht.
Wir müssen zueinander Abstand halten.
Gott ist uns nahe.
Unsere Ungeduld wird von Tag zu Tag größer.
Gottes Zuverlässigkeit bleibt groß.
Der HERR schaut vom Himmel und sieht alle Menschenkinder.
Von Seinem festen Thron sieht Er auf alle, die auf Erden wohnen.
Siehe, des HERRN Auge achtet auf alle,
die Ihn fürchten,
die auf Seine Güte hoffen.

Meine Freiheit liegt in meinem Vertrauen darauf,
dass Gott mir nahe ist,
auch wenn ich manchmal das Gefühl habe,
er hat mit dem Geschehen hier nichts zu tun.
Doch, er sieht, was geschieht,
er sieht, wie es uns geht, wie wir uns fühlen!
Meine Freiheit liegt in meiner Zuversicht,
dass Gottes Güte alles und jeden trifft.
Sie widerspricht allem, was Macht über uns hat und uns niederdrücken will.
Meine Freiheit liegt in meinem Glauben,
dass Gott mit seinem Segen das Leben schützt und bewahrt
und zum Blühen bringt.
Trotz allen Unmuts. Trotz aller Einschränkungen, die wir uns auferlegen.
Trotz aller Befürchtungen, die unseren Alltag bestimmen.
Trotz allen Ärgers, den wir empfinden und uns gegenseitig bereiten.

Alles blüht. Alles wächst.
Bald werden die Früchte sichtbar werden.
Ungetrübter Frühling.

Die Erde ist voll der Güte des HERRN.
Siehe, des HERRN Auge achtet auf alle,
die Ihn fürchten,
die auf Seine Güte hoffen,
dass Er sie errette vom Tode und sie am Leben erhalte in Hungersnot.
Unsre Seele harrt auf den HERRN;
Er ist uns Hilfe und Schild.
Denn unser Herz freut sich Seiner,
und wir trauen auf Seinen heiligen Namen.
Deine Güte, HERR, sei über uns,

wie wir auf Dich hoffen.

Amen.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder – 1. Sonntag nach Ostern

Werden wir aus dieser schwierigen Zeit wie neugeboren herauskommen? Wie wird sich das anfühlen, wenn wir wieder in direkten Kontakt zueinander kommen werden? Wie werden wir uns, wie wird sich unser Zusammenleben verändert haben?

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! heißt es bei Jesaja 40, 26-31, dem für diesen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext.

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! ... ER gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Der Prophet Jesaja will sein Volk trösten. Er weiß: ihr Leben ist schwierig. Die Umstände, die sie aushalten müssen, erfordern Kraft, einen starken Willen, Geduld. Und er weiß: Geduld ist nicht die Stärke des Menschen, vor allem dann, wenn kein Ende der schweren Zeit in Sicht ist. Auch die Stärksten sind es irgendwann leid, sind irgendwann müde und werden mutlos. Immer wieder darum kämpfen, dass sie die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht verlieren, immer wieder sich daran erinnern, dass sie sich nicht gefangennehmen lassen müssen von den Einschränkungen und der Beengung ihres Lebens, weil GOTT ihnen doch SEINE Freiheit und SEINE Gerechtigkeit zusagt und schenkt – das kostet viel Kraft. Da ist der Glaube und das Vertrauen auf GOTT schon auf die Probe gestellt.

Jesaja will die Menschen trösten, nicht vertrösten. Er weiß, ja, er ist zuversichtlich und sicher: Es gibt eine Zukunft, die wird anders aussehen als die jetzige Gegenwart. Nicht irgendwann – jetzt schon macht GOTT die Menschen stark. Nicht irgendwann – jetzt schon schenkt ER ihnen Kraft und Mut, dass sie die Herausforderungen der Zeit meistern können.

Wir müssen noch warten, aber wir müssen dabei nicht mit gesenktem Kopf verharren und passiv bleiben. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wir dürfen müde werden, straucheln, seufzen, aber wir müssen nicht unsere Hoffnung aufgeben. All das, was wir jetzt erleben, werden wir mitnehmen als Erfahrungen, die für das Danach wertvoll sein können. Wir haben uns vielleicht mehr um Andere gekümmert als vor der Corona-Zeit. Wir haben andere Menschen und ihre Lebensumstände vielleicht genauer wahrgenommen als vorher. Und wir haben für uns vielleicht entdeckt, dass Anderes wichtiger geworden ist als wir vorher gedacht haben. Das alles können wir mitnehmen in die „Zeit nach Corona“, und das sollten wir auch tun! Und wir dürfen zuversichtlich sein, dass GOTT mit uns geht, jetzt durch diese Zeit, und in die Zeit, die kommen wird – mit all SEINER Kraft, mit SEINER Hilfe und SEINEM Schutz.

Wie die neugeborenen Kinder schreien nach der Milch, die sie nährt, so schreit in uns der Hunger nach dem Leben, das von dir kommt, GOTT.
Ich sehne mich nach dir, HERR, denn du kennst die Wünsche meines Herzens.
Wie ein Freund sein Ohr neigt über den Mund, der nur noch flüsternd stammeln kann,
so neigst du dein Ohr zu mir, wenn meinem Beten die Kraft und die Worte fehlen.
Du hast deine Nähe den Kindern versprochen, den Schwachen, die ganz auf Hilfe angewiesen sind.
Darum darf ich mitten in der Angst mit dir rechnen.
Wenn die Zukunft mich überfällt wie ein drohender Schatten, darf ich ausschauen nach deinem Licht.
Denn der Balken, der dir den Tod brachte, rettet mir das Leben.
Er wird mich tragen ans sichere Land, wo die Stürme dieser Welt keine Gewalt mehr über mich haben.
Wie die neugeborenen Kinder schreien nach der Milch, die sie nährt, so schreit in uns der Hunger nach dem Leben, das von dir kommt, GOTT.

Amen.

(Gebet nach Versen aus dem 116. Psalm und dem 1. Petrus-Brief 2,2)

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

Ostern

Ich lade Sie und Euch ein zu einer kleinen Oster-Andacht und bitte Sie: Stellen Sie eine Kerze auf den Tisch und zünden Sie diese an. – Ihre Osterkerze für dieses Osterfest. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit der Stille und der Ruhe. Und lassen Sie uns gemeinsam Ostern feiern.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

In diesem Ostergruß der ersten christlichen Gemeinden können wir den Jubel, die Freude und das Staunen hören: Unsere Hoffnung ist nicht vergebens. Gottes befreiende Botschaft von seiner Liebe zu den Menschen hat Gültigkeit – entgegen allem, was wir in dieser Welt erleben und erleiden.

Lassen Sie uns also Ostern feiern – im Namen des HERRN, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Wort und Treue hält und der nicht loslässt ein Werk seiner Hände. Amen.

Wir beten:
Herr, unser Gott, hier sind wir – jede und jeder für sich. Und doch miteinander verbunden – in Deinem Geist.
Jeder und jede am eigenen Tisch – und doch bei Dir, weil Du bei uns bist.
Wir legen alles vor Dich hin. Alle Sorgen und Freuden. Alle Ängste und Hoffnungen.
Wir wissen: Bei Dir ist es alles gut aufgehoben.
Wir bitten: Behüte uns. Und alle, um die wir uns Sorgen machen. Bleibe bei uns.

Amen.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Im ersten Moment haben wir gedacht:
Jetzt steht das Leben still. Nichts geht mehr.
Alles abgesagt.

Doch dann – die Entdeckung: das Leben geht weiter.
Anders – schwieriger – umständlicher – aber auch:
langsamer – aufmerksamer – vorsichtiger – umsichtiger.

Und dann – es ist Frühling.
Der Garten fängt an zu blühen.
Die ersten Hummeln kommen.
Die Vögel fangen an zu singen.
Das Leben blüht. Und singt.
Die Sonne schickt ihre ersten wärmenden Strahlen.
Ein Sinnbild der wärmenden Liebe Gottes.
Ein Bild für das Leben, das Er gibt.
Das Leben steht nicht still.
Vieles geht.
Ein gutes Wort, das uns die Freundin sagt.
Ein Telefonanruf: „Wie geht es dir?“
Ein Spaziergang in der Sonne.
Die Hoffnung, dass wir alles gut überstehen.

Und Gott -

Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Gottes Herrlichkeit überstrahlt alles.
Ihr Licht erhellt alle Dunkelheit.
In Zeiten, in denen Hoffnung und Vertrauen schwierig sind, strahlt Gottes Herrlichkeit warm und hell.
In unsere Herzen, in unsere Seelen.
Wärme und Licht, das können wir mitnehmen – jetzt und in das Danach.
Vertrauen und Zuversicht in Gottes lebensbejahende Güte und Liebe – jetzt und alle Tage, die noch auf uns warten.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen

Gedanken zum Karfreitag

Wenn wir an die Kreuzigung Jesu denken, sehen wir auf dieses Ereignis immer von Ostern her. Wir wissen: Jesu Tod ist nicht unwidersprochen geblieben. Gott hat dem Tod nicht das letzte Wort überlassen. Gottes Wort ist das letzte Wort – und das heißt: Leben. Das Leben ist stärker als der Tod. Das ist für uns eigentlich unfassbar. Denn wir erleben anderes. Für uns hat der Tod etwas Endgültiges. Finsternis nennt Jesaja diese Erfahrung. Finsternis verhindert, dass wir das Leben sehen. Finsternis verdeckt alles, was uns zuversichtlich und hoffnungsfroh ins Leben gehen lässt. Und doch: erst im Dunkeln kann das Licht strahlen, das Licht Seiner Herrlichkeit, die uns leben lässt. Wir brauchen, um zu erkennen, wie stark diese frohe Botschaft vom Leben durch und mit Gott ist, gewissermaßen den Kontrast vom Dunklen ins Helle.

6. Sonntag in der Passionszeit - Palmsonntag

Was ist wichtig? Was ist jetzt dran?
Social distance – sagen die Politiker_innen, die Mediziner_innen. Abstand halten – sagen uns die Medien. Die Mundschutz-Debatten vermitteln uns: Mein Mitmensch ist vor allem ein Virenüberträger. Kontakte sind nur noch durch Telefon und Internet vermittelt möglich. Ist das jetzt dran? Die Vernunft sagt: Ja, das ist jetzt wichtig. Ich muss mich schützen, und ich muss den Anderen schützen. Das ist das Gute, das Beste, was ich für meine Mitmenschen tun kann. Das stimmt. Aber es bleibt so vieles auf der Strecke, je länger der Ausnahmezustand dauert, desto mehr. Die Einsamen vereinsamen noch mehr. Menschen bangen um ihren Lebensunterhalt. Kinder in prekären Familienverhältnissen sind in ihren schwierigen Situationen gefangen. Fälle seelischer und körperlicher Gewalt in Familien nehmen zu. Und nicht zuletzt: Trotz Telefon und Internet fehlt allmählich der persönliche Kontakt – physisch, verabredet oder spontan. Wir merken: Körperliche Nähe, quasi die barrierefreie Kommunikation ist wichtig, tut uns gut. Es war „vor Corona“ so selbstverständlich, dass wir das gar nicht so wahrgenommen haben – jetzt wird es uns zunehmend deutlich. Körperliche Nähe, direkte Kommunikation – davon erzählt die Geschichte, die für den Palmsonntag als Predigttext aus Markus, 14, 3-9 vorgeschlagen wird:

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige seiner Jünger unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als 300 Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn Arme habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird  in aller Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Die Geschichte beginnt mit einem Skandal. Jesus begibt sich in das Haus eines Aussätzigen, sitzt an seinem Tisch, isst mit ihm, sucht seine Nähe. Das verstößt gegen alle gesellschaftlichen und religiösen Regeln des damaligen Palästina. Wer sich auf die Seite der Ausgeschlossenen begibt, schließt sich selber aus. Dennoch bleibt Jesus dabei: Er gehört auf die Seite der Armen und Elenden, der „Unreinen“ und Ausgeschlossenen.
Und dann das: Eine Frau salbt Jesus mit einem sündhaft teuren Öl. Man hätte dieses Öl für viel Geld verkaufen können, meinen die Jünger. Was hätte man mit diesem Geld alles tun können, wie vielen Bedürftigen hätte man damit helfen können. Und diese Frau gießt ein solches Vermögen einfach über Jesu Kopf aus. Was für eine sinnlose Verschwendung!
Aber sie scheint genau zu wissen, was sie tut. Sie lässt sich nicht beirren. Diese besondere, persönliche und direkte Zuwendung soll ihn stärken für seinen schweren letzten Weg, der ihn an das Kreuz führen wird. Und Jesus selbst gibt der Salbung eine Deutung: Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Das ist seine Antwort auf das zugegebenermaßen vernünftige Argument der Jünger. Er sagt nicht, dass sie damit im Unrecht wären. Für die Armen dazusein, weil Gott gerade auf ihrer Seite steht, das hat er in seinen Predigten von den Menschen gefordert, das hat er selbst vorgelebt. Und von seinen Jüngern gefordert: Seht, was zu tun ist. Es ist zu tun, was jetzt wichtig ist.
Jesus misst dieser Frau eine große Bedeutung zu, sie soll ein Beispiel sein, für die Jünger, für alle, die sich in der Nachfolge Jesu verstehen, für uns: Gegen die Meinung anderer etwas zu tun, was der Ehre Jesu Christi und damit der Ehre Gottes dient – ohne große Worte, ohne schlechtes Gewissen, ohne spektakulären Einsatz; einen „Liebesdienst“ nur für Jesus allein zu leisten, weil sie glaubt, es sei jetzt als Zeugnis, als Bekenntnis wichtig; und vielleicht auch einfach, weil es ihrem Gefühl nach jetzt sein muss. Es muss eben nicht immer das vernünftige Argument sein, das das Tun und Bekennen begründet. Ihr möglicherweise wirklich unüberlegtes, verschwenderisches Bekenntnis gibt diese Frau voll und ganz im Vertrauen darauf, dass Jesus ihren Dienst versteht und gern annimmt. Amen.

Herr, unser Gott,
Weise uns deinen Weg, dass wir wandeln in deiner Wahrheit.
Erhalte unsere Herzen bei dem einen, dass wir deinen Namen ehren.
Wenn wir in dieser Zeit deines Leidens und Sterbens gedenken, so wollen wir auch an die Menschen denken, die heute leiden, im Vertrauen darauf, dass du auf ihrer Seite stehst, und wissend, dass du uns aufforderst, für sie einzustehen.
Wir bitten dich daher, hab Erbarmen mit allen, die leiden müssen: mit den Trauernden und Einsamen, mit den Kranken und Heimatlosen, mit den Gefangenen und Verzweifelten. Gib uns offene Augen und mach uns bereit zum Helfen, Heilen und Trösten.
Wir danken dir, Herr, unser Gott, von ganzem Herzen und ehren deinen Namen ewiglich. Amen

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.

5. Sonntag in der Passionszeit: Judika – Schaffe mir Recht, Gott!

So beginnt der 43. Psalm.

Gott, schaffe mir Recht
und führe meine Sache wider das unheilige Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
      Denn du bist der Gott meiner Stärke:
      Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich bedrängt?
      Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
      und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
      Was betrübst du dich, meine Seele,
      und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

 Ein Mensch in Bedrängnis – er fühlt sich unsicher, ausgeliefert, alleingelassen.
Wem kann er trauen? Auf wen kann er sich verlassen?
Das Misstrauen ist groß – falsche und böse Leute erzählen ihm dies und das; wem kann er glauben?
Im Gebet wendet er sich an Gott.
Denn er erinnert sich: Gott ist stark – gegen alles, was sich mir in meinem Leben entgegenstellt.
Gott ist meine Freude und Wonne.
Sein Licht und seine Wahrheit ist größer und stärker als alles trügerische Reden der Menschen.
Seine Wahrheit ist die Antwort auf alle Lüge und alles Unrecht dieser Welt.
Sein Licht ist die Antwort auf alle Not und allen Trübsinn.
Das Dunkle wird hell. Das Unrecht wird sichtbar. Gott sieht die Not.

Da ist sich der Betende sicher.
So kennt er seinen Gott.
So hat er ihn schon erlebt.
Er weiß: Er kann seinem Gott vertrauen. All seine Hoffnung auf ihn setzen, dass alles wieder gut wird.
Ein inneres Zwiegespräch – das kann ein Gebet auch sein:
Meine Seele, du bist unruhig, du bist betrübt – warum?
Es wird Gründe geben, warum die Seelennot so groß ist, die Traurigkeit, die Einsamkeit.
All die schwierigen Gedanken, alle Sorgen, alle Angst und Furcht -
alles können wir Gott sagen, auch wenn uns dafür vielleicht manchmal die Worte fehlen.
Wir können, ja, wir müssen alles aussprechen, wenn die Not uns nicht in die Hand nehmen soll. Aussprechen heißt: der erste Schritt, sich davon zu befreien.
Den Kopf wieder frei machen für Anderes, Schönes, Hoffnungsvolles.
Den Blick wieder heben können, in die Weite, nach vorne, ins Helle.
Gott wird helfen – da ist sich der Psalmbeter sicher.
Gott ist stark.
Meine Freude und Wonne.
Sein Licht und seine Wahrheit – seine Gerechtigkeit, sein Recht
ist größer als alles, was wir erleben, denken, sagen können.
Darin können wir uns bergen, wie in einem Haus Schutz finden.
Darin können wir zur Ruhe kommen, uns finden bei Ihm und dankbar Kraft schöpfen für alles, was uns begegnen wird.

HERR, unser Gott, segne und behüte uns.
Lass DEIN Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe DEIN Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.